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Pro Kampen 2-2015

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N o 58 | Nachruf 34 —

N o 58 | Nachruf 34 — EINE ART NACHRUF Von Michael Jürgs Am 5. September stellt er in Kampen sein neues Buch vor (»Wer wir waren, wer wir sind«), er war Chefredakteur des Stern, ist Bestsellerautor und Sylt-Fan: Michael Jürgs. Am 20. Mai 2015 erschien die aktualisierte Neuauflage seiner Biografie »Bürger Grass« aus dem Jahr 2002. Literaturnobelpreisträger Günter Grass starb am 13. April dieses Jahres im Alter von 87 Jahren in Lübeck. Diesen Text verfasste Jürgs als Vorwort zur Neuauflage seiner Grass-Biografie. N ein, hatte er damals am Telefon gesagt, nein, das könne er sich eigentlich kaum vorstellen, dass ich seine Biografie schreiben wolle. Er lebe schließlich noch und überhaupt sei ihm das viel zu privat. Ich dürfe aber versuchen, seine Meinung zu ändern. Dann beschrieb mir der erfahrene Beifahrer, der keinen Führerschein besitzt, den Weg nach Behlendorf, wo er in einem ehemaligen Forsthaus nahe dem Elbe-Trave-Kanal wohnte, und als ich dann bei ihm saß, beroch er mich auf seine Art. Das dauerte. Er suchte meine schwache Stelle und ich suchte seine, aber ich fand seine schwächste nicht. Im Jahr 2001 jedenfalls begann meine Recherche im Leben des Nobelpreisträgers. Es dauerte insgesamt 427 Tage und Nächte, bis ich nach 945 050 Anschlägen den letzten Satz über ihn schrieb. Und wie ich dann erfahren sollte, nichts davon erfuhr, was im August 2006 anlässlich des Erscheinens seines Buches »Beim Häuten der Zwiebel« als die Waffen- SS-Beichte des großen GG bekannt geworden ist. Auf die Idee, ihn danach zu fragen, bin ich, als Journalist versagend, nicht gekommen. Ich hätte nie eine Nähe ausgerechnet von Grass zur Mörderbande Waffen-SS vermutet. Wer eine Biografie Günter Grass’ schreiben wollte, über den sogar diejenigen schon mal was gelesen haben, die noch nichts von ihm gelesen haben, wagte sich auf ein weites Feld. Das reizte mich. Ich musste trainieren für eine so große Distanz. Bevor ich mich nachfragend in sein Leben einnistete als Gast auf Zeit, habe ich deshalb alles gelesen, was Grass geschrieben hatte. Zusätzlich rund dreißigtausend Seiten studiert, die über ihn ge- druckt erschienen waren in Zeitungen und Zeitschriften der Länder, deren Sprache ich verstehe. Sechzehn Ordner standen danach rechts neben mir in meiner Schreibzelle. Die ist fünf Quadratmeter groß. Auf der Pinnwand links hing anfangs nur ein Foto von Grass, das ihn mit Ernst Bloch zeigte, wachsende Erkenntnisse deckten dann die Fläche zu mit detaillierten Strukturplänen, was wo warum in welchem Kapitel stehen sollte. Wie aber nähert man sich überhaupt einem überlebensgroßen Gesamtkunstwerk? Am besten vorbereitet. Und wo sollte ich beginnen? Am besten da, wo am 16. Oktober 1927 sein Leben angefangen hat. Schauplätze und Menschen aus »Blechtrommel«, »Katz und Maus«, »Hundejahre«, »Unkenrufe« gespeichert im Kopf, fuhr ich im Sommer 2001 zum erstenmal in die Stadt, die schon lange Gdansk heißt, in die Vergegenkunft des bis 1974 katholischen Kleinbürgers Günter Grass, Sohn eines Kolonialwarenhändlers aus dem Labesweg 13 im Vorort Langfuhr. Die Straße fand ich, bevor meine Dolmetscherin Anna einen Passanten danach gefragt hatte, denn Grass beschreibt nachgehbar die Schauplätze seiner Geschichten. Wer Trommler Oskar für sein Alter Ego hält, verwechselt aber wahres Leben mit dem erdachten. Der sprachgewaltige Kaschube konnte gut zuhören; der listige Skatspieler hatte früh gelernt, seine Trümpfe im richtigen Moment auszuspielen. Als es bei einem Sommergewitter und prasselndem Regen schon nachmittags fast dunkel wurde im Behlendorfer Atelier, lotste mich seine Stimme in eine andere Welt. In die eines Geschichtenerzählers, der kein Tageslicht brauchte, denn Sprachverführer wie Grass konnten schon immer im Dunkeln

gut munkeln. »Ich gebe kein Bild ab. Sinnlos, mich auf einen Nenner bringen zu wollen«, warnte er dichtend, und wenn ein Haus zwei Ausgänge habe, dann suche er den dritten. Ich suchte den Eingang. Der Rhythmus unserer Begegnungen ergab sich aus dem Stand meiner Recherchen. Grass wurde zum Lebenspartner auf Zeit. Je mehr ich über ihn erfuhr nach Interviews mit Freunden und Feinden, mit Zeitgenossen und Genossen, desto kundiger konnte ich fragen. Je mehr Bücher von Grass ich gelesen hatte, desto sicherer war ich, dass eines über ihn geschrieben werden musste. »Auf verquere Weise bin ich unkompliziert«, sagte Grass und das machte die Annäherung an ihn nicht einfacher. Den großen Ring an seinem Finger hatte er gefunden in einem Laden in Hongkong, wo er mit seiner damaligen Freundin und späteren Frau Station gemacht hatte, und den habe er gekauft und dann zu Ute gesagt: »Jetzt sind wir verlobt.« Sich erzählen zu lassen die Geschichten hinter Lebensdaten, war einfacher. Aufgewachsen zwischen dem »Heiligen Geist und Hitlers Bild« in Danzig, in der Nähe der Ostsee, die damals wie heute blubb machte und pschsch. Der Mief, zu dem er gehörte, den »riecht er heute noch gern«, sinnenfroh essend und trinkend und kochend und tanzend die Feste der kleinen wie der großen Leute genießend, die seines Clans und die bei Königs in Stockholm anlässlich des Nobelpreises. Wo auch immer in der Welt er hinkam und gefeiert wurde — er vergaß nie, woher er kam. Seinen Schattenmann Ruhm, ständiger Begleiter seit der »Blechtrommel«, benutzte er deshalb bewusst nur als Grüßgustav und als Türöffner, als Gegenredner und als Sprachrohr für Sprachlose. Das nächtliche Handwerk des Waschbrettspielers einst in einer Düsseldorfer Jazzband hatte dem Bildhauer Grass ein feines Gehör für falsche Töne hinterlassen. Seine Buchtitel sind eingängige Botschaften. Auch das hatte er geübt, unter dem Titel »Die Milchflaschenpost« Werbetexte verfasst für die Meierei C. Bolle und von den Honoraren die Miete für seine Wohnung in Berlin bezahlt. Mit seiner ersten Frau Anna, der Ballerina, ist er nach Paris gezogen, reich an Plänen, aber »arm an notwendigem Unterfutter« und im Hinterhof der Avenue d’Italie 111 im Heizungskeller »episch dickarschig« geschrieben, hatte mit der Kohlenschaufel vor Arbeitsbeginn die Ratten verjagen müssen, während Anna in Madame Noras Ballettstudio am Place Clichy tanzte, hat dort die verschiedenen Fassungen der »Blechtrommel« aufgemalt, die ihn dann 1959 Schlag auf Schlag in den Olymp wirbelte. ☞E »Bürger Grass« von Michael Jürgs, aktualisierte Neuauflage, 480 Seiten, Verlag C. Bertelsmann, 24,99 Euro, Kindle Edition 19,99 Euro Grass teilte stets lieber aus als einzustecken und wer ihm am Ende Recht gab, durfte ihm am Anfang widersprechen, und der Nörgler gab gern seinen Senf dazu, noch bevor die Wurst auf dem Teller lag, und er war radikal gegen Reaktionäre von links oder rechts und sozialdemokratisch gegen Radikale und realistisch, wenn andere in Utopien abhoben, und er hatte lustige braune Augen, die nur bei Bedarf ungemütlich blitzten und statt erst am Ende zynisch zu werden, blieb er von Anfang an skeptisch und über sein Leben als Mann, gern liebend, schwieg er sich liebend gern aus und wie ein Verein hieß, war ihm egal, solange er ihm vorsaß, und nur er hätte seine Zweitfamilie Gruppe 47 nach Richters Tod zusammenhalten können und regelmäßig überprüfte er von Zeit zu Zeit seine Ziele, denn Endziele waren ihm suspekt und da der Verfassungspatriot so fest auf dem Boden des Grundgesetzes stand, hatte er Plattfüße. Im Buch, so schrieb er mir nach Erscheinen meines Buches »Bürger Grass – eine deutsche Biografie«, sei zwar zu viel privates »Gewese«, aber insgesamt sei es wohl gelungen. Nachdem ihm seine Frau Ute nach Lektüre gesagt hatte, ihr sei es allzu viel privates Gewese, vor allem jenes, das außerhalb ihrer Beziehung geschehen war, nickte er mir bei Veranstaltungen nur noch verstohlen zu. Sozusagen unter uns Männern. Als er bekannte, bei der Waffen-SS gedient zu haben, und ich mich wie viele andere auch tief enttäuscht empörte, herrschte ab 2007 zwischen uns so etwas wie Kalter Krieg. Sein auch schon längst verstorbener Lektor Helmut Frielinghaus, der ihn wahrscheinlich jetzt im Club der toten Dichter empfangen wird — ich wette, die wählen den Alten zum Vorsitzenden auf Ewigkeit —, ein hoch gebildeter Mann, dem Autodidakten GG treu und nahe, mir nicht feindlich gesinnt, versuchte vergeblich zu vermitteln. Viele Jahre später, aber nicht zu spät, beim Fest zum siebzigsten Geburtstag seines Lebensfreundes Manfred Bissinger, flüsterte mir Eva Rühmkorf zu, ich möge an die Bar gehen, dort stünde allein Grass, der genau um Mitternacht seinen 83. Geburtstag beginge. Ich zögerte. Sie drückte mich zweimal auffordernd in den Arm. Ich stand auf und ging hin. Grass blickte hoch und sagte: »Mein Lieber, wollen wir wieder Frieden schließen?« So beschlossen wir es und tranken darauf. Als wir das Glas geleert hatten, fing der Alte an zu erzählen, und erst dann, wenn wir uns dereinst wieder treffen, werde ich das Ende seiner Geschichte erfahren. Denn auch in der ewigen wird er keine Ruhe geben und lustvoll stören: »Mit einem Sack Nüsse / will ich begraben sein / und mit neuesten Zähnen / Wenn es dann kracht, / wo ich liege, kann vermutet werden: / Er ist das, immer noch er.«

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